Die Hohgant-Story 2017-04-26T09:52:32+00:00

DIE Hohgant Story

Seit über dreissig Jahren bekommen Neugeborene in unserem Familien- und Bekanntenkreis eine handgestrickte Erdbeer-Mütze geschenkt.

Eines Tages fragte mich eine Freundin, die zwei exklusive Kunst und Design Boutiquen in der Basler Altstadt führt, ob ich sie mit solchen Erdbeeren beliefern könnte. Kaum waren die ersten Exemplare im Laden ausgestellt, waren sie bereits verkauft und weitere Bestellungen folgten… Als meine zwei Hände mit der Nachfrage nicht mehr nachkamen, bot meine Emmentaler Freundin Susanna an, mich beim Stricken zu unterstützen. Als wir vierhändig wieder nicht schnell genug für die vielen Nachfragen waren, kamen Susannas Mutter, ihre Schwester, die Tochter, die Schwiegermutter der Schwester, eine Schwägerin, die Schwägerin der Schwägerin nebst einigen meiner Emmentaler Nachbarinnen als Strickerinnen dazu.

Auf einmal waren wir 12 Strickerinnen !

Mit fleissigen Händen und glühenden Stricknadeln und viel Spass hatten wir in drei Monaten die ersten 84 Erdbeer-Mützen abgeliefert. Und bald kam die nächste Anfrage, ob wir nicht weitere Modelle hätte.
Als auch die ersten 12 Strickerinnen der ersten Stunde die Arbeit nicht mehr bewältigen konnten – zeitweise waren wir sogar über 25 aktive Strickerinnen – spätestens da konnte ich nicht mehr ignorieren, dass wir klammheimlich zu einer rechten KMU angewachsen waren mit allem, was dazu gehört, denn viele Emmentalerinnen, aber auch Frauen aus der ganzen Schweiz, Deutschland und Holland bewarben sich um Strickarbeit, sobald ein Radiosender, eine der vielen Zeitschriften oder das Fernsehen unsere Geschichte erzählte.
(im Moment umfasst die Adressliste ca. 250 potentielle Strickerinnen).

Die Ambition, eine professionelle Strickproduktion zu starten, hatte ich aber nie, obwohl ich als Designerin 15 Jahre lang die Mode-Abteilung der Schule für Gestaltung in Basel geleitet und viele junge Menschen auf den ersten Schritten in ihren Berufsalltag in der Modebranche begleitet hatte.

Im Gegenteil, kurz zuvor hatte ich mich frühpensionieren lassen, um das Leben zu geniessen u.a. um mehr Zeit mit der Familie im schönen Emmental verbringen zu können, wo ich seit vielen Jahren ein zweites Zuhause geniesse.

Als Grossmutter hatte ich mich oft mit Kinderbekleidung auseinandergesetzt und bereits viele Ideen und Design-Kriterien definiert und gesammelt.

Eine wichtige Inspirationsquelle waren dabei die Photographien von Emil Brunner (1908 – 1995), die sich in der Fotostiftung Schweiz befinden und dessen „Bergkinder“- Serie, „Lumbrain 1944/45“ im Jahr 2004 als Bildband im Limmat Verlag erschien.

Bergkinder 1
Bergkinder 2
Bergkinder 3
© Fotostiftung Schweiz

Es ging mir dabei immer darum, eine Kinderkollektion zu entwickeln, die Ästhetik, Funktionalität, Material- und Verarbeitungs-Qualität von Gestern mit modernem, kindgerechtem Trage- und Pflege-Comfort von heute vereint. Heutiges Design sollte ausserdem gepaart sein mit umweltgerechten Material- und Produktions-Kriterien und nachhaltigem Handeln.

Innovative Vertriebs-, Kommunikations- und Verkaufsmethoden sollten erprobt, gerechter Lohnpolitik und Teamarbeit praktiziert werden.

Und es ging mir dabei immer darum, aufzuzeigen, dass Design sich nicht in netter und gefälliger Oberflächenkosmetik erschöpft, sondern eine grundlegende, bewusste und verantwortungsvolle Lebenshaltung und -prozess darstellt, in dem Eingriffe, Energie, Materialien, Elemente, Strukturen, Formen, Gesetzmässigkeiten, etc. vernetzt werden mit der Umwelt und mit den Menschen, mit ihren Realitäten, Wünschen und Träumen sowie mit ihrem Bedarf und ihren Bedürfnissen.

Drei Generationen unserer Familie waren an der Realisation des Hohgant-Projektes beteiligt (das Projekt, das es ja eigentlich gar nicht gab!): Grossmutter, Schwiegertochter und vier Enkel.

Ich, die Grossmutter bin für Design, Produkt-Kommunikation mit Lieferanten und Privat- und GeschäftskundInnen sowie für Medienarbeit und Oeffentlichkeitauftritt verantwortlich.

Meine Schwiegertochter, Alexa ist als Grafikerin zuständig für Corporate Identity und ist als zweifache Mutter auf allen Ebenen eine unentbehrliche Gesprächspartnerin.

Die fünf Enkel und Enkelinnen inspirieren uns täglich (und halten uns gleichzeitig erfolgreich von der Arbeit ab!).

Hannah und MadsHannah Strøm mit dem jüngsten Enkel Mads, 2 Monate alt, in Hohgant-Design (und vor dem Hohgant, der leider im Nebel lag)!

Neben der Freude über jedes fertig gestellte Strickstück und der Erfolg unserer Kollektion bei den Geschäften und bei der Kundschaft, war aber für mich das allergrösste Geschenk die Begegnung mit den vielen emmentaler Strickerinnen und ihre Familien: Im ganzen Emmental, Hügel auf, Hügel ab, an wundersamen und wunderschönen Orten, in Dörfern, Ortschaften und auf einsamen Einzelhöfen, in den hintersten Tälern wurde ich, die dänische Baslerin und das Projekt Hohgant aufs Herzlichste empfangen.

Es wurde mir aber erst nach und nach etwas bewusst, was künftig ein ganz zentraler Punkt des Projekts werden sollte: Ich hatte es vollständig unterschätzt, welch persönliches, gesellschaftliches und wirtschaftliches Potential die uralte Frauen-Kulturtechnik „lisme“ heute noch beinhaltet. Und welchen Stellenwert es als Selbstverwirklichungs-Möglichkeit und Nebenverdienst-Quelle im Leben vieler, nicht berufstätiger Frauen hat, besonders für die, die in der Regel noch nie eigenen Lohn für ihre Arbeit erhielten.

Aufwand und Ertrag stehen zwar in der heutigen Zeit beim Handstricken für keine der Beteiligten in einem angemessenen materiellen Verhältnis zueinander. Von einem Lohn, welcher die wichtigsten täglichen Lebenskosten deckt, kann nicht die Rede sein. Da aber alle am Projekt Mitarbeitenden sich aus ideellen Gründen den Gewinn gerecht teilen, entsteht bei uns ein Gefühl, ein Teil der Hohgant-Gemeinschaft zu sein. Hiervon zeugen die vielen Gespräche, Briefe und Telefonate und Einladungen, die mich erreichen und die unterdessen regen Kontakte der Strickerinnen untereinander.

Als ich das erste mal einer älteren Strickerin die erste Entschädigung brachte, musste sie das Augenwasser abwischen und sagte: „Ich habe noch nie zuvor Geld fürs Lisme bekommen“.

Hannah Strøm